Linux, der Desktop und die Grabrede..

Vor kurzem erst, am 29. August, hat Miguel de Icaza in seinem Blog geschrieben, dass Linux auf dem Desktop gescheitert wäre, was zu einem mittelgrossen Gemurmel in der Linuxnutzer und Entwicklergemeinde führte.

Faktisch eine Grabrede.

Und damit nicht genug, befasste sich doch schon das Wired mit diesem Thema ( „OSX killed Linux“), ebenso wie Torvalds selbst. („why is Linux not competetive on desktop?“)

Torvalds erklärte vor Studenten der Aalto-Universität in Helsinki, dass der Desktopbereich der einzige Bereich in der IT Landschaft sei, der von Linux noch nicht komplett erobert worden wäre.
„Darüber ärgere ich mich zu Tode!“, so Linus.

Zeit, mir mal selber kurz Gedanken zu dem Thema zu machen.
Aber erstmal sortieren:


Sichtweisen

Miguel de Icaza behauptet, daß Linux auf dem Desktop gescheitert ist.

Die Hauptgründe sieht er in der Zersplitterung der Entwicklergemeinde, in den Inkompatibilitäten der Distributionen untereinander und der Entwicklerkultur, die eher auf sauberes Design erpicht ist, denn auf Abwärtskompatibilität.

Stichwort dazu „Kompatibilitätsschichten zu pflegen, gilt als weniger sexy, als neue Probleme zu lösen“

Zum Thema „Zersplitterung“ jedoch sollte sich, meiner Meinung nach, de Icaza selbst nicht allzuweit aus dem Fenster lehnen… Warum? Rekapitulierend betrachtet, erntete er seine Lorbeeren als einer der beiden Begründer des GNOME Projektes.
Dieses Projekt entstand als Antwort auf das KDE Projekt – einer Idee, wichtige Applikationen, Utilities und das Handling in einer Sammlung zu vereinen, mit gemeinsamen Schnittstellen und Abstraction Layer.

Trolltech hatte zu diesem Zeitpunkt im Übrigen die QT Libraries bereits freigegeben, aber „frei“ war hier der FSF warscheinlich nicht „frei genug“.

Und so entsandte Papst Stallmann seine Kreuzritter, in diesem Falle de Icaza, um unter dem Banner der Freien Software, die Gottesfurcht in die Herzen der Heiden zu schlagen. . .

Errrrm .. Zu coden ..

Mit spitzer Zunge könnte man behaupten, aus rein religiösem Fanatismus hat er nicht unwesentlich zur Zersplitterung der Entwicklerkultur beigetragen, genau das, was er 15 Jahre später kritisiert.

So begann die Bekanntgabe des GNOME Projektes denn auch mit den Worten de Icaza’s :

We want to develop a free and complete set of user friendly applications and desktop tools, similar to CDE and KDE but based entirely on free software
(Miguel de Icaza, 1997)

Woraus man ersehen kann, dass de Icaza sich vollauf bewusst war, dass er ein weiteres konkurrierendes Produkt entwickelt, Entwickler und Resourcen abzieht und die Gemeinde spaltete.

Dass Linus als der geistige Vater Abwärtskompatibilität schlichtweg smashte, wie de Icaza behauptet, ist jedoch schlichtweg falsch. (Und eigentlich schon eine böswillige Unterstellung)

Oft genug wurden Patche seitens Linus rejected, um die Kompatibilität zu funktionierender Software aufrechtzuerhalten.

Linus Torvalds himself gab Linux auf dem Desktop recht gute Chancen.

In der oben bereits erwähnten Rede, (die mit dem berühmten Stinkefinger „Nvidia fuck you!“ endete), erklärte er, daß sich ein System nur durchsetzen kann, wenn es vorinstalliert ist.
Er gibt Linux noch gute Chancen, sich auf dem Desktopmarkt zu etablieren und nennt hauptsächlich das Chromebook hier als Successor.
Nicht jedoch in der aktuellen Generation und auch nicht in der nächsten.

„Man landet den Treffer nicht mit der ersten oder zweiten Generation. Mit der dritten vielleicht. Mit der vierten oder fünften Generation wird es richtig interessant. „ (Linus Torvalds)


eigene Ideen

Als allererstes : Ja, Linux auf dem Desktop hat versagt und
Nein, Linux wird sich auf dem Desktop auch nicht mehr durchsetzen ..
Das ist zu mindestens meine Überzeugung.

Auch wenn kaum ein Durchschnittsnutzer auf Windows 8 umsteigen wird (zu umständlich das System, zu ungewohnt das Handling), ist es unwarscheinlich, dass Windows 7 Geräte spontan zu Linux migriert werden.

Dieser Durchschnittsnutzer ist auch der Knackpunkt, der den Hasen zum Bellen bringt.
Denn es interessiert ihn nunmal nicht das System. Ihn interessiert die Software .. und die Mensch-Maschine Schnittstelle.

Er will nicht programmieren, skripten oder konfigurieren.
Er will nutzen.
Der erste Punkt : die Software, die vorhandene.
Eine Konversation zu diesem Thema lief bislang zumeist folgendermassen ab:

Gibt es denn sowas wie Word / Excel etc?
Ja, gibt es ..

Sowas wie Photoshop?
ja!

Soundbearbeitung, Videoschnittsoftware, Skype ???
Ja, Ja und . . . Ja !

Neuste Spiele ?
Schulterzucken .. .

Dazu muss man ja zusätzlich sehen, dass eben diese Flaggschiffe der Freien Software auch unter Windows laufen.
Warum also ein stabiles, einfaches System aufgeben, das nicht nur GIMP, LibreOffice etc. bereithält, sondern auch die neuesten Spiele, einen Browser mehr, und Photoshop, MS Office etc?
Und gegen ein System eintauschen, das bestenfalls instabil läuft und es immer ein wenig tricky ist, auch einfache Software zu installieren (Abhängigkeiten)

Dass Paketverwaltung und Installation von Nutzersoftware problemlos möglich ist, zeigen uns zum Beispiel die Installer von SuSE und Ubuntu.
Doppelklick – fertig .
Im Ernst, es interessiert keinen, welche lib von welcher wie abhängig ist und händisch aufgelöst werden muss.

Dass es möglich ist, Spiele nativ und closed Source zu installieren, hat uns Loki gezeigt.
Im Übrigen mit einem hervorragenden Installtool, dass den Windowsinstallern in nichts nachstand.
Auch hier: Doppelklick – fertig.
Leider war Loki zum Beispiel zur falschen Zeit am richtigen Ort und die Firma ging Konkurs, weil einfach niemand diese Produkte kaufte.
Nerds begnügen sich halt mit nethack oder Maze.

Und hier möchte ich sehr gerne einen Begriff verwenden, den Bill Gates in seinem Buch „Der Weg nach vorn“ prägte .. den Begriff der negative Spirale.

Ohne genügend stabiler Endnutzersoftware, die sich leicht und ohne Grundkentnisse installieren läßt, keinen Zulauf an Nutzern, die bereit sind, sich das OS zu installieren.
Ohne Nutzer keinen Anreiz für Firmen, Endnutzersoftware nativ zu entwickeln. Und ohne Endnutzersoftware …

Klar ..
Ausserdem ist es ja nunmal so, dass die Menschen das nutzen, was sie kennen. Hier kommt Linux schlichtweg zu spät.

Und mal ernsthaft .. Klar geht alles irgendwie.. Mal schlecht, mal noch schlechter,

aber der Endnutzer 08/15 möchte eben nicht lange in Konfigurationen rumfrickeln, um ein altes Windows Spiel mit Einschränkungen unter Wine zum Laufen zu kriegen…
To Do

Was müsste denn getan werden , um Linux auf dem Desktop doch noch zur Akzeptanz zu bringen?
Nach Linus’ Meinung ja auf jeden Fall Kollaborieren mit den Hardwareherstellern.
Um Linux zu präinstallieren und Komplettpakete verkaufen zu können.

Das Ziel dieser Bemühungen kann es nur sein, daß in Zukunft im Mediamarkt Fertigrechner oder All-in-Ones zu erwerben sind, die mit Linux vorinstalliert sind.
Um dieses Ziel überhaupt anvisieren zu können, muss sich jedoch der Entwicklerpool auf eine Basisditribution einigen.
Diese sollte am besten von einer Firma stammen und nicht aus freien

Um Monetarisierung und ein gewisses advokates Backing zu gewährleisten.

UBUNTU zum Beispiel steht ja in der Öffentlichkeit sowieso schon synonym für „Linux“.

Blogs und Vlogs wie das von Nixie Pixel ( nixiedoeslinux ) erreichen vor allem junge Leute und erhöhen die Akzeptanz des Systems in der Enduserzone.
Das, von de Icaza beschriebene, Konkurrieren der Distributionen, das bewusste Herstellen von Inkompatibilitäten, um Alleinstellungsmerkmale gegen andere Distributionen zu gewinnen etc, ist in der Tat ein massives Problem.
Jedoch ein bekanntes.
Wozu gibt es ein Arbeitsgremium, dass extra zum Zwecke der Vermeidung genau dieser Problematiken ins Leben gerufen wurde?

Die Arbeit der LSB muss zwingend gefördert und das Spezifizieren vorangetrieben werden . . .

Es kann auch nicht sein, dass finanzstarke Distributoren sich nicht an die Vorgaben der LSB halten.
Während freie Distributionen dies grundsätzlich tun.

Alles, was für den normalen Endnutzer von Belang ist, sollte vereinheitlicht werden.
Hier sind zwingend die Einstellungen einer X Shell notwendig und eine Designspezifizierung für alle grafischen Elemente, das xfce, etc, wenigstens gleichziehen können.

Es darf für den Endnutzer keinen Unterschied geben, zwischen xfce und gnome .. oder kde ..
Noch nicht einmal zwischen Linux Mint und SuSE …Noch nicht einmal zu Windows 😉


Die Zukunft

Linux auf dem Desktop hat versagt.
Wen interessiert das?

Sind Dektops nicht als solche sowieso gestorben? Wer benötigt in Zukunft noch Desktopsysteme? (Ausser die Entwickler selber)

Im Heimgebrauch haben schon längst Smartphones, Tablets und Settops die Wohnzimmer erobert.
Auch Firmen rüsten ihre Mitarbeiter längst mit mobilen Gadgets aus.

Und hier erhebt sich der Phoenix aus der herbeigeredeten Asche: im ersten Quartal 2012 hielt Android einen Marktanteil von 56,1% ..
Im Juli bereits 65,74%. Im Gegensatz dazu hat Apple 20,16% . . .

Um die 14 restlichen Prozente kloppen sich die Blackberries mit Microsoft . . .
Über 60 Prozent aller Settopboxen laufen auf Linux Multimedia Centern..

Also who cares?
Schachmatt! Global Players!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *